Studieren mit Kind

Studieren mit Kind

 

Gliederung

  • Familienplanung
  • Vereinbarkeit
  • Kind, Karriere oder gar beides?
  • Vor- und Nachteile der Familiengründung im Studium
  • Von A wie Anatomie bis Z wie Zuckerwatte

 

Familienplanung

Geschafft! Nach einigen Jahren des Wartens, einer Ausbildung und 3 weiteren Berufsjahren als Kinderkrankenschwester später, endlich positive Nachrichten von der ZVS oder besser gesagt Hochschulstart. Eine Zusage, ein positives Zeichen, yeah.

Die ersten Semester vergingen wie im Fluge und nach absolviertem Physikum und sooo viel Freizeit in der Klinik wurde es auf einmal immer lauter:Tick, tick, tick. Ein Akoasma? Nein. Mein Handywecker? Nein. Es war tatsächlich meine biologische Uhr, die ganz dezent von sich verlauten lies. Mhhh, was mache ich nun damit? Ignorieren? Das hätte sie nicht verdient. Ein Gespräch mit meinem damaligen Freund, meinem heutigen Ehemann, musste her. Als Franzose und somit Verfechter von L´amour  et les enfants  stand recht schnell fest, dass es eigentlich keinen Grund mehr gab, zu warten: Mit steigendem Alter sinkt nicht nur die Spermienqualität rapide ab, sondern auch deren Quantität. Zudem, wer hat mit 50 Jahren noch Bock, seinen Kids im Garten hinterher zu rennen, wenn die neue Hüfte zwickt oder das arthrotische Knie jault.

Gesagt getan. Und siehe da, ein weiteres positives Zeichen, diesmal nicht von der ZVS sondern vom ELISA (Beta HCG Schwangerschaftstest)

Nun hieß es aber erst einmal Ruhe bewahren und absolute Schweigepflicht. Zwei Attribute, die ja als zukünftige Ärztin nicht schaden.

Der Plan: Bis zur 13. Schwangerschaftswoche behalten wir unser Geheimnis für uns und danach werden alle eingeweiht.

Die Realität: in der 6. Schwangerschaftswoche, also gerade einmal 3 Tage nach dem positiven Test, hieß es im Kleingruppenseminar Nuklearmedizin vom Prof: „ So, wir gehen jetzt in einen Bereich mit radioaktiver Strahlung, wenn also jemand schwanger ist, bitte hier bleiben“. Äääähm was tun, sich outen, noch bevor die potentiellen Großeltern von ihrem zukünftigen Enkelchen erfahren oder etwas riskieren und das Geheimnis für sich behalten? Die Antwort war klar! So blieb ich also mit nem müden Lächeln sitzen worauf meine Kommilitonen mich anschmunzelten, mir um die Arme fielen und mir gratulierten. Halb so wild alles. Für den Prof war das ebenfalls kein Problem, ja ich wurde sogar schon früher in die Pause geschickt und hatte somit 20 Minuten mehr Zeit für einen Tee, weil mein schwarzer Lieblingstrunk schmeckte mir merkwürdiger Weise seit ein paar Tagen nicht mehr. Wirklich komisch, was eine Schwangerschaft so bewirken kann. Ich sag nur, Gelüste und so…

Das Semester neigte sich dem Ende zu. Die Hausarztfamulatur stand an. Die nächste Frage tat sich auf: Was tun? Füße hochlegen und das nicht vorhandene Bäuchlein streicheln oder der Übelkeit den Kampf ansagen und die Hausarztfamulatur durchziehen? Ich entschied mich für letzteres. Mit Kind wird es alles schließlich nicht einfacher!

Ich befand mich in der 7. Woche meiner Schwangerschaft, das Herz des Embryos schlug bereits kräftig. Wow, faszinierend, wie man tatsächlich so lange auf ein Ultraschallgerät starren kann und sich an einem 1cm großen Gummibärchen erfreuen kann….

Naja wo waren wir. Ah ja Hausarztfamulatur.

Diese stellte, bis auf die Morgenübelkeit, eigentlich kein Problem dar. Ich durfte eigentlich alles machen, was nicht schwangere Studentinnen auch so tun: Patienten anamnestizieren, untersuchen, behandeln, den Doc auf Hausbesuche begleiten etc. Außer Blutabnehmen, das lies ich lieber sein, safety first. Da gibt es verschiedene Regelungen: meist obliegt es der Schwangeren selbst, ob sie Blut abzapft etc. So habe ich es des Öfteren in der Klinik erlebt, dass schwangere Ärztinnen noch Braunülen legen und Blut abnehmen. Aber spätestens bei Röntgenstrahlung sollte der Spaß dann aufhören. Nachtarbeit ist Schwangeren untersagt.

Nach 4 Wochen neigte sich die Hausarztfamulatur dem Ende zu und ich war froh, diese noch vor der Geburt abgehakt zu haben.

 

Neues Semester neues Glück

Das Sommersemester wollte ich gerne noch vor der Geburt im Oktober mitnehmen. Dies war auch kein Problem. Es standen Fächer wie

Psychiatrie und Psychotherapie

Schmerzmedizin

Q5 klinisch pathologische Konferenz

Neurologie

Innere

Arbeits- und Sozialmedizin sowie

Allgemeinmedizin an.

Diese Fächer können alle ohne weiteres von Schwangeren belegt werden, da man nicht in Kontakt mit radioaktiven Substanzen o.Ä. gelangt. Klinische Chemie ist wohl eines der Fächer in der Klinik, die von Schwangeren nicht belegt werden dürfen, da man seine Praktika ausschließlich im Labor verbringt und dort mit Körperflüssigkeiten oder ähnlichem hantiert. Alles in allem empfand ich studieren mit Bauch als recht praktikabel und gut durchführbar.

Ein Highlight zum Thema Rücksichtnahme (Ironie lässt grüßen) war sicherlich das Zwei Wöchige Allgemeinmedizinpraktikum im Hochsommer im 3. Trimenon, also schon Walfischcharakter: ich durfte den ca. 10 Kilo schweren Arztkoffer in den 4. Stock eines Hochhauses schleppen, natürlich gab es keinen Aufzug, und die Temperatur lag im Wohlfühlbereich, also bei 35 Grad Celsius. Das empfand ich im Nachhinein schon als Zumutung, aber gut, Work – out für Fortgeschrittene J

Im Oktober dann, pünktlich zum Wochenstart des neuen Semesters, erblickte unsere Maus das Licht der Welt. Von nun an schlugen unsere Uhren rosa.
Vereinbarkeit

 

Ja mein Lieblingswort und zugleich Unwort des Jahrzehnts. Was wird einem mit diesem Wort eigentlich suggeriert? Ich kann meinen Job bzw. mein Studium mit einem Kind vereinbaren oder kann ich eher mein Kind mit dem Job/Studium vereinbaren? Fragen über Fragen…

Hier mein Versuch, dies aufzudröseln. Also es ist ja nun mal Fakt, dass sich die Prioritäten im Leben mit der Geburt eines Kindes ändern (mehr dazu unter „Kind, Karriere oder gar beides?“) Das dies so ist, ist ganz natürlich und nicht das Problem. Vielmehr wird einem eine Vereinbarkeit von Seiten der Politik bzw. der Gesellschaft vorgegaukelt. Thema Krippenplätze: seit August 2013 hat jedes Kind, welches das erste Lebensjahr vollendet hat, bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres Anspruch auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege. Die Realität sieht hier in Rheinland- Pfalz leider anders aus. Wo man auch hin hört, der Mangel an Krippenplätzen ist enorm und nicht selten Schuld, dass Berufstätige Mütter erst später wieder in ihren Job einsteigen können.

Als Student wird man bei den hiesigen städtischen Krippen bevorzugt, da man sich noch in der Ausbildung befindet, dies nützt jedoch wenig, da die wenigen Krippenplätze, die es gibt, meist an Alleinerziehende vergeben werden, was auch absolut in Ordnung ist.

Ein weiteres Thema: als Mutter kann man es gar nicht richtig machen. Bleibe ich bei jedem Kind mehr als ein Jahr zu hause, gelte ich als Glucke, bzw. Frau, die sich vor dem Job drückt. Gehe ich wieder arbeiten, fallen gerne Worte wie z.B. „Rabenmutter“. Da könnten wir uns echt mal eine Scheibe von unseren Nachbarn, z.B. den Franzosen, abschneiden. Dort existieren solche Wörter zum Einen gar nicht. Des anderen ist es Gang und Gebe, dass Frau nach wenigen Monaten zurückkehren kann in ihren Job und für die Betreuung gesorgt ist. Von dem höheren Kindergeld mal ganz zu schweigen 😉

Ja es kristallisiert sich heraus, dass das mit der Vereinbarkeit so eine Sache ist und es wirklich einem Seiltanz gleicht, bei dem die oberste Devise lautet : Balance halten zwischen den eigenen Bedürfnissen, denen der Familie, des Kindes bzw. den Anforderungen der Hochschule, des Jobs etc.

Ein riesen Bonus, wenn nicht der Jackpot überhaupt sind Oma & Opa, wenn es um das Thema der Vereinbarkeit geht. Am besten beide von beiden Parteien in Rente. Mit der Unterstützung der eigenen Eltern sind Szenarien wie: „Kind kotzt die Nacht durch und ich habe Testat am nächsten Tag“ oder auch sehr beliebt „gestern noch quietsch fidel heute am Tag des Staatsexamens Ausschlag am ganzen Körper“ nur halb so wild. Wer nicht über den Joker Großeltern vor Ort verfügt hat sich meist nach einer gewissen Zeit ein Netzwerk aufgebaut an Freunden, die in Notfällen auch mal einspringen können. Zu diesen Notfällen zählt natürlich auch einfach mal das Bedürfnis nach einem Abend zu zweit!

 

Kind, Karriere oder gar beides?

Das muss jeder für sich entscheiden, die Entscheidung kann ich euch leider nicht abnehmen, es gibt weder richtig noch falsch…..

Eins jedoch steht fest, eure Kinder werden von alleine groß. Egal ob ihr Ihnen 24 Stunden das Händchen haltet oder sie 24/7 fremdbetreut sind. Nach 20 Jahren ist nix mehr mit „sein erstes Wort“, „ihre ersten freien Schritte“ oder auch „das erste mal erfolgreich auf dem Töpfchen“. Diese Momente sind dann rum, einfach so und sie werden nie wieder kommen. Deshalb entschieden wir uns für das Zurückschalten in den 1. Gang, runter von der Überhohlspur, gehe nicht über Los, sondern häng noch etwas im Gefängnis (ach ne das klingt zu hart) besser, in der Schloßallee, ab. Ich glaube, es gibt schlechtere Orte…

Eine Grundvoraussetzung hierfür: es muss sich gut anfühlen! Es bringt weder Mama noch Kind etwas, wenn Mama zu hause bleibt, aber nicht ganz bei der Sache ist.

Stichwort: Authentizität.

Beides, also Kind & Karriere zur selben Zeit und beides mit voller Hingabe und Aufmerksamkeit ist nur in seltenen Fällen möglich und auch hier steckt meist einer, in der Regel der Schwächere, zurück. Wird dies propagiert, lohnt sich immer ein Blick hinter die Fassade, da diese Mütter oft nicht ehrlich zu sich selbst und der Welt sind und Gegebenheiten idealisiert werden.

Karriere an sich ist natürlich möglich und in der Regel leichter umsetzbar, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Zu diesem Zeitpunkt hat man, wenn man die Kinder im biologisch dafür vorgesehenen Zeitfenster bekommt und nicht erst mit 63 (ICSI lässt grüßen), immer noch gut 20-30 Jahre, um an seiner Karriere zu arbeiten und ich finde, das ist doch ne Menge!

 

 

Vor- und Nachteile der Familiengründung im Studium

Vorteile:

Der größte Vorteil überhaupt ist, dass man selbst noch jung, belastbar und flexibel ist. Das sind die besten Voraussetzungen, dass man das Projekt Familie erfolgreich wuppt. Hier kommen wir auch schon zu Punkt Nummer 2: die biologische Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger Spermien bzw. Eizellen sinkt leider ab dem 20. Lebensjahr ab bzw. die Anzahl der Fehlgeburten steigt an. Dies sollte man immer im Hinterstübchen behalten, damit man sich nicht mit 40 wundert, warum es mit dem Schwangerwerden nicht so klappen mag.

Ein weiterer Vorteil ist, dass man sein Studium auch schwanger fortsetzen kann. Dies ist als Ärztin z.T. schwieriger bzw. mit Einschränkungen verbunden wie z.B. kein Umgang mit Körpersekreten, keine Strahlung etc. Dies kann dazu führen, dass man die 9 Monate seiner Schwangerschaft statt im OP z.B. hinter einem Schreibtisch mit riesen Aktenbergen verbringen muss und zudem dann noch von dem schlechten Gewissen geplagt wird, dass alle nichtschwangeren Kolleginnen / Kollegen nun Mehrarbeit leisten müssen.

Desweiteren: im Studium kann man sich seine Zeit meist besser einteilen, als dies auf Station oder im OP möglich ist. So war ich immer nur für Pflichtveranstaltungen kurz an der Uni und konnte auf diese Weise noch sehr viel Zeit mit meiner Tochter verbringen.

Zuletzt fällt mir noch ein, dass es einfacher ist, eine Säugling im Kinderwagen oder in der Trage mit in den Kurs oder die Vorlesung zu nehmen, als in den OP.

 

Nachteile:

Das liebe Geld. Als Student bekommt man den Mindestsatz von 300 Euro Elterngeld pro Monat. Dies ist nicht wirklich ausreichend, um die Miete zu bezahlen, geschweige denn, den Kühlschrank gescheit zu füllen. Als Arzt sieht dies anders aus: hier bekommt man in etwa 65% seines Gehaltes maximal jedoch 1800 Euro pro Monat. Das ist doch mal ne Hausnummer.

Bei dem nächsten Punkt werden sich wahrscheinlich nicht alle wiederfinden, mir jedoch geht es so, dass ich mein Studium auch gern bald mal abschließen möchte, um endlich Geld zu verdienen, Patienten zu behandeln, keine Prüfungen mehr vor mir zu haben etc. Ich könnte mir gut vorstellen, dass dieser innere Antreiber weiter zu machen kleiner ist, wenn es nur darum geht, zurück in den Job zu kehren vs. das Studium abzuschließen.

Abschließend wäre noch zu erwähnen, dass die Getränkeflecken von wilden Partys nun durch angedaute Milchflecken ersetzte werden. Uniparty vs. Babyparty.

 

 

Von A wie Anatomie bis Z wie Zuckerwatte

Wie ihr gelesen habt, und Hut ab, wenn ihr bis hier her gekommen seid 😉 ist das Studium mit Kind nicht nur Zuckerwatte. Neben dem mega süßen Geschmack und dem tollen Aussehen gibt es leider noch den Holzstab in der Mitte, der einem manchmal seine Grenzen aufzeigt. Thema Müdigkeit, Geduld und Selbstvernachlässigung.

Ich kann nur für die letzten 2 Jahre sprechen und ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich es keine Sekunde bereut habe, mich für eine Familiengründung im Studium entschieden zu haben. Jede schlaflose Nacht, jeder Trotzanfall, jede ausgelaufene Pampers sind es wert. Ich konnte diese Sätze früher nie nachvollziehen: „Sie hat die ganze Nacht geweint und wenn sie mich dann morgens anstrahlt, ist alles vergessen“. Mhhh naja, also ganz so ist es nicht, denn da ist ja immer noch die Müdigkeit, die Augenringe etc. Trotzdem ist diese Liebe, diese Zuneigung und diese Verbundenheit eine so einmalige Erfahrung und Bereicherung, dass ich es nur jedem empfehlen kann. Also Leute: bekommt Kinder, habt Spaß und genießt die Zeit, denn sie kommt nie wieder…

 

 

Eure Laura

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