PJ in der Kardiologie – Auf Herzen und Nieren

Auf Herz und Nieren – PJ in der Kardiologie

 

Nach meinem Wahl- und Chirurgietertial sollte als drittes und letztes nun das der Inneren folgen. Das Beste kommt zum Schluss… oder so ähnlich. Die Begeisterung für die Innere Medizin konnte mich im Studium nicht wirklich erreichen, überforderte und überarbeitete Assistenzärzte sowie diverse Stationspraktika trugen nicht gerade zur Verbesserung meines schlechten Bildes bei: endlose EKG-Befundungen in der Kardiologie, Aszites über Aszites in der Hepatologie, übel riechende Gänge und Zimmer in der Gastroenterologie, Dialyse in der Nephrologie und BGA-Auswertungen in der Pulmologie. Ach und nicht zu vergessen, der König aller Krankheiten: Diabetes. Es ist immer Diabetes. Innere und ich, keine Liebesgeschichte.

 

Strich durch die Rechnung

Deshalb hatte ich für dieses Tertial einen „Masterplan“: Mehrere Monate vor Beginn hatte ich die uns angebotene Möglichkeit genutzt und eine „Wunschstation“ angegeben, die Geriatrie, welche für PJler ein Glücksgriff sein sollte, wie ich aus Nachforschungen und Erzählungen erfahren hatte. Diese lag nur fünf Minuten Fußweg von mir zu Hause entfernt, warb mit humanen Arbeitszeiten für Studenten und sollte laut meinen Quellen ein „super nettes Team“ haben. Die Stationsärztin hatte sich ebenfalls für mich als „Wunschkandidatin“ bei dem PJ-Verantwortlichen ausgesprochen. Da konnte ja nichts mehr schief gehen, dachte ich.

 

Doch wie so oft im Leben kam es anders als erwartet. Zwei Tage vor Beginn des Tertials kam die Einteilung auf die Stationen per Mail und zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass ich nicht in der Geriatrie sondern in der Kardiologie gelandet war. Das Fach, das ich während des ganzen Studiums am wenigsten mochte. Dazu kamen eine Fahrt mit der Straßenbahn, früherer Beginn und späteres Ende der Arbeitszeiten und eine vom Hörensagen her unangenehme Oberärztin, die die ein oder andere Studentin schon zum Weinen gebracht hätte. Eigentlich Luxusprobleme, aber dennoch völlig demotiviert ob des Scheiterns meines so schönen „Planes“, fing ich am Montag Morgen also meinen ersten Tag des Innere-Tertials an.

 

Lichtblick am Horizont

Es gab eine kurze Einführung bezüglich Formalitäten und Datenschutz für alle PJler, von denen mehr als die Hälfte ebenfalls nicht ihre Wunschstation bekommen hatte und so gingen wir anschließend schlurfenden Schrittes und mit hängenden Schultern unseren neuen Stationen entgegen.

Auf meiner Station erwartete mich ein junges Assistenzarztteam und ich wurde sogleich freundlich empfangen. Eine richtige Einführung in die Station und meine Aufgaben war allerdings kaum möglich, da wie immer alle unter großem Zeitdruck standen. Ich erfuhr auf die Schnelle, dass ich -wenig überraschend- für Blutentnahmen und Flexülen verantwortlich sein würde, bei den Visiten dabei sein sollte und auch mal in die Funktionsabteilung schauen dürfte. Naja, das klang ja erstmal nicht so schlecht und so stieg meine Motivation wieder etwas an. Etwas verwundert war ich allerdings, weil noch niemand etwas von Aufnahmen gesagt hatte. Eine Tätigkeit, die bei den meisten PJlern eher unbeliebt ist, da man auf vielen Stationen nur der „Aufnahmebär“ ist. Also fragte ich vorsichtig nach, wie viele Aufnahmen ich denn pro Tag machen müsse. „Eigentlich keine“, bekam ich als Antwort, „außer es ist viel los, dann kannst du unserem Aufnahmearzt helfen oder wenn du unbedingt welche machen möchtest, um zu üben.“ Hatte ich richtig gehört? Ein Aufnahmearzt? Das war Musik in meinen Ohren und ich straffte meine hängenden Schultern noch ein kleines bisschen mehr. Der erste Tag ging schnell vorbei und den nächsten Morgen konnte ich etwas motivierter antreten.

 

Stationsvampir

Als ich am zweiten Tag meine „Blutrunde“ begann, stellte ich erschrocken fest, dass das Tablett mit den Röhrchen hierfür übervoll war und gefühlt beinahe jeder Patient der Station heute gestochen werden musste. Bis zur Visite sollten die Werte da sein, wie ich wusste, und ich fragte mich, wie ich das jemals so schnell schaffen sollte. In meinen vorherigen Tertialen hatte ich zudem aufgrund des Fachbereiches und eines kleinen Krankenhauses mit kleiner Station nicht allzu viel Übung gehabt. Trotz allen Bemühens dauerte meine erste Runde dann auch entsprechend lange und zur Visite waren längst nicht alle Werte da, was aber nicht so schlimm war. Mit den Tagen wurde ich immer schneller und treffsicherer, die Patienten begrüßten mich am Morgen immer mit „Da kommt ja wieder unser Vampir“. Überhaupt stellte ich fest, dass dieser erste Patientenkontakt am Morgen zum einen viel Spaß machte und zum anderen sehr hilfreich sein konnte. Man ist noch vor der Visite am Patienten und erfährt oft von Beschwerden oder auch Verbesserungen des Zustandes, worauf man in der Visite schnell zurückgreifen und eventuelle Probleme schneller oder gar schon im Voraus lösen kann.

 

Endlose Visiten

Wie von den Chirurgen meines letzten Tertials angekündigt („freu dich auf endlose Visiten!“) zogen sich die Visiten (insbesondere die Oberarzt-Visiten) täglich in die Länge. Für mich am frustrierendsten war der häufige Spagat zwischen Herz und Niere: Riskiert man jetzt die halbe Tablette Diuretikum mehr, um die Herzinsuffizienz zu verbessern oder wartet man erst mal ab, um die ohnehin schon schlechte Nierenfunktion nicht weiter zu verschlechtern? So oder so ähnlich sah es bei den meisten Patienten aus und ich musste feststellen, dass es kein „Pauschalrezept“ für solche Fragestellungen gibt.

Dennoch lernte ich gerade in den Visiten der Oberärztin, wenn sie denn genügend Zeit hatte und zum „teachen“ aufgelegt war, mehr als gedacht. Diese war nämlich anders als angekündigt weder super streng noch unfreundlich oder gar beleidigend zu mir. Natürlich erwartete sie, dass man mit dachte, aber Unmögliches wurde nicht verlangt und wenn man sich nicht ganz blöd anstellte, stand man schnell in ihrer Gunst. Auch kam es zu keinen gefürchteten Bloßstellungen und examensähnlichen Prüfsituationen während der Visite. Nach drei Stunden Stehen wanderte der Blick dann aber schon häufiger zur Uhr und ich hoffte, meine müden Füße und meinen schmerzenden Rücken endlich ausruhen zu können. Wehmütig dachte ich dann an die überaus angenehm kurzen Visiten in der Chirurgie zurück. Nach einiger Zeit bekam ich dann aber ein „eigenes Zimmer“, also meine „eigenen Patienten“, um die ich mich kümmern sollte und bei denen ich auch die Visite machen durfte. In meinen letzten Wochen durfte ich dann die Visite der ganzen Station machen. Da verflog die Zeit schneller als gedacht und die Visiten machten sogar Spaß.

 

Von Blockpraktikanten und Famulanten

In meiner ersten Woche musste ich mir „meine Station“ mit anderen Studenten „teilen“: Den Blockpraktikanten aus dem sechsten Semester, die frisch aus dem Kardiologieblock kamen. Diese waren hochmotiviert und wollten eine Aufgabe nach der anderen übernehmen. Waren wir damals auch so? dachte ich mir nur und musste dies innerlich verneinen. Während mein für das zweite Staatsexamen mühsam angehäuftes kardiologisches Wissen ein dreiviertel Jahr später im Bermuda-Dreieck meines Gehirns verschwunden zu sein schien, konnten sie beinahe jede Frage beantworten. Oft stellten sie mir Fragen, wie man das und das mache bzw. warum dieses und jenes so sei, beantworteten sie sich dann aber sogleich selber und ich nickte und lächelte meist nur und sagte „Ja genau“. Sie wussten von neuesten Medikamenten, die bei uns „damals“ noch gar nicht in den Leitlinien standen und ich kam mir insgesamt unglaublich alt und dumm vor.

 

Einen Lichtblick allerdings gab es: Mein Nichtwissen in der Theorie glich sich durch fehlende Praxis bei den Studenten aus. So konnte ich erklären, wie man SAP benutzt, Arztbriefe schreibt, Blut abnimmt und Flexülen legt. Einmal wurde ich panisch von einem der Studenten gerufen, ich betrat das Patientenzimmer und sah schon die Bescherung: Nachthemd, Nachttisch und Boden waren blutverschmiert und aus der beim Patienten gelegten Flexüle floss das Blut ununterbrochen, der Student stand mit zitternden Händen daneben und versuchte den Mandarin einzuführen, was nicht so recht klappen wollte. Schnell schraubte ich einen Combi-Stopper auf, von denen ich immer welche in meine Taschen bei mir hatte und wir beseitigten das Blutbad. Da entdeckte ich auch die Ursache für den nicht enden wollenden Blutfluss: der Stauschlauch saß noch maximal angezogen am Oberarm des Patienten. Dem Studenten war das sichtlich peinlich.

 

Insgesamt war ich ganz froh, als die Semesterferien begannen und ich statt Blockpraktikanten einen Famulanten bekam. Also natürlich nicht ich, sondern die Station, aber meine Stationsärztin sagte mir, ich wäre ihm weisungsberechtigt und so war er ab da „mein“ Famulant. Ich wollte, dass er bessere Erfahrungen machte, als ich sie in meinen Praktika und Famulaturen gemacht hatte und so brachte ich ihm bei, was ich konnte und wusste und gemeinsam erledigte sich die Arbeit viel schneller als alleine.

 

Fahrrad fahren, Klappenersatz und Schrittmacher-OPs

Wie bereits angekündigt, durfte ich auch in die verschiedenen Funktionsabteilungen hinein „schnuppern“. Allerdings fand ich das meiste recht langweilig: In der Ergometrie Patienten, die sich auf dem Fahrrad abstrampeln und Ärzte, die dabei das EKG verfolgen und dann auswerten mussten, waren nichts für mich. Das EKG und ich standen sowieso auf Kriegsfuß und so verbrachte ich meine Zeit lieber im Herzkatheterlabor. Hier sah ich Koronarangiographien, Pulmonalvenenisolationen, Perikardpunktionen und TAVIs. Letzteres stellte ich mir am spannendsten vor: Über die Leiste eine Herzklappe einführen, die sich dann im Herzen an der richtigen Stelle entfaltet und als „neue“ Klappe arbeitet, klang fast wie Zauberei. Der Eingriff an sich war dann aber eher enttäuschend. Der Raum war mit ca. 15 Personen überfüllt, weitere Studenten und ich mussten uns in die hinterste Ecke an die Wand drängen, um bloß nicht im Weg zu stehen. So sah man vom Patienten kaum etwas und ich hatte nur Sicht auf den Bildschirm, auf dem mein ungeübtes Auge aber wenig erkannte. Nach einiger Zeit hieß es dann auch schon „Ende“, und die ganze „Zauberei“ war vorbei.

 

Es gab aber auch schönere Erlebnisse. So hatte ich eine Patientin aufgenommen, die von der ITS kam. Hier war sie bei Z.n. langer Reanimation wegen eines Herzinfarkts gelegen, was sie erstaunlicherweise ohne Folgeschäden überstanden hatte. Sie war recht ängstlich und sollte nun einen Herzschrittmacher bekommen, was sie sehr beunruhigte. Ich erklärte ihr den Eingriff und dass sie keine Angst haben brauchte, bis sie dann meinte „Machen Sie den Eingriff, Frau Doktor?“ „Leider nein“, antwortete ich augenzwinkernd und bat ihr an, dass ich mal fragen könnte, ob ich dabei sein dürfte. Darüber war sie sehr froh, denn sie hatte Angst, dass sie von den Ärzten ja niemanden kennen würde sonst. Alle waren einverstanden, doch als es so weit war, verpasste ich leider den Patiententransportdienst und erfuhr erst später, dass es gleich los gehen würde. Ich eilte schnell ins Herzkatheterlabor, zog mich um, kleidete mich mit Bleischürze und Haube ein und betrat eilig Labor 1. Da hörte ich sie schon fragen „Wo ist denn meine Frau Doktor? Die Kleine, Sie wissen schon?“ Natürlich wusste niemand, PJler sind ja quasi unsichtbar für alle anderen und eine Frau Doktor war ich natürlich auch noch nicht. Ich nahm ihre Hand und meinte „hier bin ich“. Die Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben und nach der Operation bedankte sie sich nochmal für meine Anwesenheit.

 

Was einen guten Arzt ausmacht

Eine wichtige Lektion, die ich lernte, war die, was einen guten Arzt ausmacht. Das sieht in den Augen der Patienten nämlich ganz anders aus, als in den Augen der Ärzte. Jeden Mittag in der Fortbildung wurde über neueste Forschungsergebnisse, verbesserte Diagnostik, revolutionäre Therapie gesprochen. Im Stationsalltag wurden Patienten nach Myokardinfarkt gerettet oder während einer schwierigen Koronarangiographie ein Gefäß aufgedehnt, was einen bevorstehenden Infarkt verhinderte. Stundenlang wird überlegt, welches Medikament man nun noch dazu gibt oder absetzt. Doch das alles interessierte die meisten Patienten nicht. Die häufigste Frage, die ich zu hören bekam war: „Wann darf ich wieder nach Hause?“. Für sie war es wichtig zu wissen, wann sie das Krankenhaus wieder verlassen können und ob sie nun gesund sind bzw. wieso sie überhaupt da waren. Viele Patienten wussten überhaupt nicht, was das Problem war oder wieso sie jetzt dieses und jenes Medikament nehmen mussten und trauten sich auch nicht, nachzufragen. Deshalb: Zeit nehmen, mit den Patienten sprechen und erklären, was für eine Krankheit sie haben, wie sie damit umzugehen haben und wie es nun weiter gehen wird. Vielleicht auch zu Aufnahmebeginn sagen, sofern es möglich ist, wie lange der Krankenhausaufenthalt dauern wird. Über so etwas sind Patienten dankbarer, als über die Mitteilung der neuesten Studienergebnisse.

So verging meine Zeit in der Kardiologie mal wieder wie im Fluge und ich war bereit, mich für die letzten Meter der Zielgeraden zu wappnen: Die mündliche Prüfung, kurz das M3.

 

Autorin:

A. V.

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