Pflegepraktikum auf der Intensivstation

Erfahrungsbericht: Pflegepraktikum auf der Intensivstation

Einleitung

Als vorklinischer Medizinstudent trifft man in seiner Praktikantenrolle im Pflegepraktikum verschiedenste Charaktere des Pflegepersonals und unterschiedlichste Aspekte des Pflegeberufs einer Klinik. Für die meisten ist der Krankenpflegedienst dabei mehr Fluch als Segen, weil man sich vom Krankenhausleben irgendwie mehr erhofft hatte als Bettpfannen zu leeren und auf Botendienste gehetzt zu werden.

Als ich also bei meinem Vorstellungsgespräch für den letzten Abschnitt meines Pflegepraktikums gefragt werde, ob ich nicht einen Monat auf einer Intensivstation der Inneren Medizin zuschauen möchte, bin ich also mehr als begeistert, etwas zu sehen, das etwas mehr medizinische Einblicke erhoffen lässt, als ich bisher ergattern konnte.

Die Intensivstation hatte dabei vor Beginn meines Praktikums einen etwas mystischen, aufregenden und vielleicht auch etwas einschüchternden Charakter für mich: Bei meiner Vorstellung stellte ich mich, weniger zielstrebig als erhofft, zuerst vor den Oberarzt und fragte ihn nach meinem Dienstplan – dass sowohl Pfleger und Ärzte das selbe Outfit tragen, hatte ich in meiner ersten Lektion also schnell und auf peinlichste Weise gelernt. Auf den ersten Blick erfasst der Blick eines bis dahin recht unbescholtenen Studenten wie mir mehr Kabel und Schläuche, als man zählen könnte. Es piepst überall, Pfleger unterhalten sich ernst und leise mit Ärzten, und alles wirkt steriler, heller, und trotz der Ruhe direkter und spannender als alle Stationen, die ich bis dahin gesehen hatte.

 

Der Arbeitsablauf einer Intensivstation – aus Praktikantensicht

Gleich an meinem ersten Tag im Dienst fällt auf, dass es hier anders zugeht als auf den mir schon bekannten Stationen. Die Übergabe der Pflegekräfte ist straff durchorganisiert, die Rollenverteilung klar. Jeder der – auf dieser als einziger mir bekannter Station vornehmlich männlichen – Pfleger bekommt zwei bis drei Patienten zugeteilt, und es wird direkt am Anfang besprochen, wer was übernehmen kann im Falle eines Notfalls. Der strenge erste Eindruck wird allerdings sofort gemildert – von dem Gerücht, dass Intensivpfleger ein sehr spezielles (um nicht zu sagen: sehr von sich selbst überzeugtes) Selbstbild haben, hatte ich zwar vorher von allen Seiten gehört, doch bemerke ich nun wenig.

Und so lerne ich in den nächsten fünf Wochen die Arbeitsweisen und Abläufe einer Intensivstation kennen. Die (meistens) motivierten Pfleger, aber auch die Assistenzärzte, nehmen mich zu den vielen verschiedenen Patienten mit und sind durchaus bemüht, mir einen möglichst breiten Einblick über die Station und das Spektrum der Patienten und Fälle zu geben.

Dabei fallen mir in meiner doch recht ungewöhnlichen Position als manchmal handelnder, meist jedoch beobachtender und möglichst-nicht-im-Weg-stehender Beobachter, besonders im Vergleich zu meinen vorherigen Praktika auf „Normalstation“, einige Dinge auf:

1) Eine Intensivstation ist klar und straff organisiert.
Im Optimalfall läuft die Station wie ein Uhrwerk. Während auf Normalstation das Pflegepersonal nicht nur um Welten weniger motiviert erscheint, sich um die Patienten zu kümmern als in die Kaffeepause zu gehen oder im Stationszimmer über Patienten und nicht anwesende Pfleger zu lästern, beschränkten sich die Pfleger der Intensivstation auf klare Pausenzeiten, die genau abgestimmt waren, sodass maximal 3 Leute „allein“ Pause machten, während der Rest weiterarbeitete. Auf einer großen Tafel steht jeder Patient mit Namen direkt neben dem Namen der verantwortlichen Pfleger und Ärzte. In nummerierten Einzelzimmern klickt sich jeder Pfleger mehrmals pro Schicht durch den – an einer abgefahrenen Hängekonstruktion schwebenden – Computer und registriert und protokolliert Vitalparameter, Wachheitszustände und andere wichtige Daten. Jede Schicht ist in sich klar gegliedert, was, in Anbetracht der doch recht großen Zahl der eintreffenden Notfälle, eigentlich eine organisatorische Meisterleistung für sich ist. Besuchszeiten werden strikt eingehalten, die Zeit der Übergabe ist heilig und in nur einem von vielleicht fünfzig Fällen gab es eine Schicht, in der man wesentlich länger oder kürzer arbeitete als vorgesehen.

2) Das Verhältnis von Ärzten und Pflegern ist enger.
Wie eingangs schon erwähnt, tragen hier alle die gleichen Farben und Arbeitsklamotten. Das allein macht, sowohl auf Patienten und Besucher (aber auch auf neue Praktikanten) einen deutlich geschlosseneren Eindruck. Das im Vergleich recht große Mehrwissen des Pflegepersonals kommt dabei allen Parteien der Station zu Gute: Ärzte profitieren davon, nicht jeden winzigen Behandlungsschritt anordnen zu müssen („Herr Dr. XY, darf ich Frau Müller ein Kühlpad geben?“), und die Pflege profitiert ihrerseits von ihrer besseren Position. Das Vertrauen und die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegern wird dadurch deutlich gestärkt, auch, weil auf Visite nicht selten ein Beratungsgespräch beider Seiten entsteht, das von gegenseitigem Respekt für die Tätigkeit und die anderen Aufgaben des jeweils anderen zeugt. Das mag zum einen an dem wirklich hervorragenden, die Station leitenden Oberarzt liegen – der bisher der einzige Arzt bleibt, den ich gesehen habe, der sich bei einer Schwester für einen unbedachten Satz entschuldigt hat, der im Eifer des Gefechts einer Reanimation fiel – zum anderen aber auch daran, dass alle miteinander schon viele stressige Situationen erlebt und damit erfahren haben, auf wen man sich bei was verlassen kann. Als Praktikant profitierte ich enorm von dieser etwas besonderen gemeinsamen Arbeitsweise, da ich auf beiden Seiten viel gezeigt bekam – und auch, weil Arzt und Pflegepersonal hier bedeutend weniger zwei verschiedene „Seiten“ waren als auf anderen Stationen, sondern oft tatsächlich zusammen (statt wie auf Normalstation so oft: gegeneinander) zu arbeiten.

3) Die Pfleger dürfen – und können – mehr als anderswo.
Durch eine spezielle Zusatzausbildung wissen und dürfen die Pfleger deutlich mehr, als anderswo eine ganze Station. Während mir auf der kardiologischen Station keine Schwester erklären konnte, was sie da bei einem EKG eigentlich genau misst, blieb keine meiner (bei so vielen Schläuchen, Kabeln und unbekannte Geräten sicher zahlreicher und oft mein Unwissen kennzeichnender) Fragen unbeantwortet. Egal ob Arzt oder Pfleger: wenn ich eine Frage hatte, wurde mir alles bis ins letzte Detail erklärt. So hatte ich nach 8 Stunden im Krankenhaus nicht nur mehr gelernt als an so manchen Tagen der letzten Semesters, sondern auch einen Haufen nachzulesen – von der Funktionsweise eines Beatmungsgeräts über die Pathogenese eines akuten Multiorganversagens blieb kaum Zeit, jeden Tag zu überlegen, wie viel Neues ich heute wieder gesehen hatte – sondern meine Motivation, etwas zu lernen, stieg nach einem doch eher trockenen vorklinischen Semester mit jedem Tag sprunghaft an. Praktische medizinische Arbeit sehen und oft selbst verrichten zu können war, nach scheinbar sinnlosen Strukturformeln und physikalischen Gleichungen Wasser auf den Mühlen meiner Studiums-Motivation.

4) Das Fallspektrum ist deutlich größer (und drastischer) als auf Normalstation.
Nach Pflegepraktika auf einer kardiologischen und einer unfallchirurgischen Normalstation dachte ich, ich hätte (für die kurze und vergleichsweise wenig studentenorientierte Zeitdauer eines Pflegepraktikums) schon ein recht großes Spektrum an Patienten und Krankengeschichten gesehen. Doch was man auf einer Intensivstation zu sehen bekommt, war dahingehend doch ein ganz anderes Level: Da die Intensivstation, auf der ich mein Praktikum absolviert habe, eine allgemeine Innere Intensivstation ist, kamen hierher auch alle Fälle, die auf der chirurgischen Intensivstation keinen Platz oder keine chirurgische Zuständigkeit mehr fanden. So sah ich während meiner fünf Wochen auf Station nicht nur die erwartbaren Herzinfarkte, Dialysepatienten und onkologische Fälle, sondern auch eine Bandbreite der verschiedensten Intoxikationen, Suizidversuche, Organversagen und klinischer Kolibris, etwa Patienten mit einem bisher erst 50 mal diagnostizierten angeborenen Herzfehler. Dabei gab es, wie oben schon erwähnt, immer viel mitzunehmen; sei es, weil die Pfleger mir viel erklären konnten, oder, weil bei zu wenig Zeit eben doch vieles ungeklärt blieb. Umso mehr motivierte das Praktikum, Teile der als unnützen Vorklinik-Wissens abgetanen Fakten, die man schon mal gelernt hatte, hervorzukramen, oder Ausblicke auf die nächste Semester zu bekommen.

5) Wenn es hart auf hart kommt, reanimiert auch mal der Praktikant.
Natürlich läuft auf einer solchen Station auch nicht allzu oft alles so leicht und organisiert wie geplant. Mit circa einem dringendem, das heißt akut lebensbedrohlichen Notfall pro Schicht gab es selten Gelegenheit, sich einen Moment auszuruhen, besonders, weil man als Praktikant natürlich vor allem in unübersichtlichen Situationen entweder auf dringende Hilfsarbeiten („Bring dieses schnell hierhin, hol jenes von dort“) gehetzt oder angebrüllt wurde, man solle aus dem Weg gehen. Nichtsdestotrotz wurden mir, je länger ich auf der Station war, immer öfter auch Sachen zugetraut, die wirklich interessant, medizinisch relevant und oft nervenaufreibend waren.

Ich erinnere mich dabei vor allem an einen besonderen Fall in der zweiten Woche meines Praktikums: Zusammen mit einem Pfleger hatte ich einen Patienten in den Keller zum CT gefahren, wo wir, aufgrund eines angekündigten Notfalls, warten mussten bis wir an der Reihe waren. Den besagten Notfall sahen wir recht schnell auf dem Gang entgegenkommen: Eine schwer atmende, schon leicht bläulich aussehende Frau Anfang 50, die von zwei Schwestern der Notfallaufnahme eiligst mit Verdacht auf eine akute Lungenarterienembolie Richtung CT geschoben wurde. Noch während wir vor der Tür der Radiologie warteten, wurde drinnen der Reanimation-Alarm ausgelöst. Während unser wartender Patient also von uns wieder zurück auf Station geschoben wurde, rannten uns entgegen Pfleger der Intensivstation samt dazugehörigem Oberarzt, die das krankenhausinterne Reanimations-Team bilden. Nur wenige Minuten später wurde die Patientin unter voller Reanimation auf unsere Station gebracht; ein Assistenzarzt kniete auf ihrem Bett und drückte auf ihren Brustkorb, während der Rest des Teams das Bett unter „Zur Seite“-Rufen durch den Gang schob und die medikamentöse Lyse des Thrombus einleitete. Nach über einer Stunde Reanimation waren die verbleibenden Pfleger und Ärzte – zeitgleich war ein anderer Notfall ebenfalls auf die Station gebracht worden, der die andere Hälfte des Personals in Beschlag nahm – derart ausgelaugt vom ständigen Drücken und Rennen nach Medikamenten, dass mir angeboten wurde, es selbst zu versuchen und die Herzmassage der Patientin für einen Moment zu übernehmen. Und so kam es, dass ich mich plötzlich neben dem Bett befand und zum mir angeratenen Rhythmus von „Stayin Alive“ auf dem Thorax der Patientin herumdrückte. Auch wenn ich dachte, mittlerweile genug mehr oder weniger gute Arztserien gesehen zu haben, und mir versichert wurde, es sei „nicht viel anders als bei der Puppe für den Erste-Hilfe-Kurs“, war es doch ein wirklich seltsames Gefühl, auf einmal derjenige zu sein, der reanimierte; Rippen zu spüren, die andere vorher durch den Druck schon gebrochen hatten, und zur Seite zu gehen, als nach Einsetzen von Kammerflimmern defibrilliert wurde. Zum wiederholten Male wurde mir dabei deutlich gemacht, dass der Umgang mit Patienten mehr ist als nur das Lösen eines ärztlichen Detektiv-Falles, sondern Arbeit an echten Menschen ist. Dieser Aspekt wurde umso drastischer verdeutlicht, als der Oberarzt nach vergeblicher Reanimation die Angehörigen der Patientin hereinbat und ihnen die Botschaft vom Tod der Frau mitteilen zu müssen. Nichts hat mir bei meinen bisherigen Praktika einen direkteren, intensiveren und ernsteren Eindruck von der Wichtigkeit einer Tätigkeit im medizinischen Bereich vermittelt, als die Reaktionen der Patienten und Angehörigen nach einer überbrachten medizinisch weitreichenden oder schlimmen Botschaft.

 

Fazit

So erlebte ich in meinem Praktikum auf der Intensivstation also nicht nur aufregende, weil mit neuen Erfahrungen versehene, lehrreiche Momente, sondern auch den weniger begeisternden als nachdenklich stimmenden Teil der Tätigkeit.

Im Vergleich zu meinen vorigen Pflegepraktika war der Teil meines Praktikums auf der Intensivstation damit nicht nur der bisher mit Abstand erfahrungsbringendste und eindrucksvollste, sondern auch der anstrengendste und dramatischste Abschnitt meiner vorklinischen Praktika. Trotz aller Bemühungen und Versuche war dies mein erstes Praktikum, bei dem einige der Patienten, die ich betreut hatte, verstorben waren – oft unter dramatischen und traurigen Umständen. Ein Umgang mit dem Tod von Patienten wurde also für mich hier zum ersten Mal erlebbar und war oftmals der Aspekt meines Praktikums, der mich am meisten auf die zukünftigen Umstände eines Arztberufs aufmerksam machte.

Besonders die Beobachtung und das Mitlaufen bei den Ärzten des Teams der Station war für mich dabei sehr inspirierend – besonders die Art, in der der Oberarzt dabei mit seinem Team und den Patienten umging, erinnerte mich dabei daran, dass einige der wichtigsten Fähigkeiten eines mich so inspirierenden und motivierenden Arztes nicht in vorklinischen, auch nicht in klinischen Praktika gelehrt werden und lernbar wären, sondern sich erst mit jahrelanger Erfahrung und häufigem Patientenkontakt entwickeln.

Alles in Allem kann ich anderen Studierenden der Vorklinik einen Abschnitt des Pflegepraktikums auf der Intensivstation damit nur empfehlen, vor allem, wenn man vorher schon andere Erfahrungen im Krankenhaus gemacht oder durch die Vorklinik ein geringes Vorwissen hat: in keinem anderen Praktikum habe ich derart vielfältige und nachhaltig prägende Erfahrungen mit unterschiedlichsten medizinischen Fachbereichen machen können, die mich auch im Semester danach beim Lernen bestimmter Krankheitsbilder noch oft an konkrete Fälle zurückdenken ließen.

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