Mein Erasmusjahr in Griechenland

Mein Erasmusjahr in Griechenland

 

Nachdem ich eigentlich schon vor Beginn des Studiums immer ins Ausland wollte und das für ein Pflegepraktikum irgendwie nicht organisiert bekommen hatte und sich auch meine Bemühungen bezüglich Famulatur in Grenzen hielten, ist mir irgendwann aufgefallen: ich muss “ernst” machen! Sonst wird das nie was werden. Sonst bin ich bald im PJ, in einer deutschen Klinik und noch immer nicht im Ausland gewesen.

Projekt: Erasmus für mein 7. Fachsemester.

Dafür habe ich mich etwa ein knappes Jahr vorher auf unserer Studiendekanatsseite umgesehen, was es für Partneruniversitäten gab. Und ehrlich gesagt war nichts dabei, was mich so wirklich gereizt hätte. Entweder waren es irgendwelche osteuropäischen Ländern, wo es sicherlich den Winter über noch viel kälter werden würde als bei uns und bei geeigneterem Klima wie Frankreich oder Spanien scheiterte ich eindeutig an der Sprachbarriere. Im Grunde hatte ich mich sowieso schon entschieden. Eigentlich wollte ich nach Griechenland. Noch nie dort gewesen, aber schon immer viel gehört, träumte ich mich bereits in die Heimat Hippokrates. Und nachdem ich eine ausgewanderte Tante inklusive zweisprachig aufgewachsenem Cousin auf Zypern besitze, war ich doch sogar schon im Stande zu äußern, dass ich Hunger hatte und eigentlich auch mal dringend aufs Klo müsse. Außerdem stammen ja sowieso viele Fachbegriffe aus dem Griechischen, also dachte ich mir, da kann schon gar nicht so viel schiefgehen, was die Sprache betrifft.

Da bin ich also zu der Erasmuskoordinatorin, die mir sagte, sie würden sich sehr über ein weiteres bilaterales Agreement freuen, ich müsse mich lediglich selbst um den Kontaktaufbau kümmern. Gesagt bekommen – Getan. Ich hatte mir alle potentiellen Emailadressen auf den jeweiligen Universitätsseiten griechischer Unikliniken herausgesucht und E-Mails an von mir als verantwortlich vermutete Sekretärinnen geschrieben und prompt zwei Rückmeldungen bekommen. Somit stand dem Semester in Griechenland im Grunde nichts mehr im Wege. Da ich die einzige Bewerberin auf diesem Erasmusplatz war, konnte ich bereits Ende des Jahres mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass ich mich ab Herbst in einer Stadt direkt am Meer befinde würde und mich mit Sicherheit nichts und niemand davon abhalten könne, nach der Uni noch schwimmen zu gehen und ich mich den nächsten Winter definitiv nicht ums Schneeschaufeln kümmern müsse. Patras! An der Westküste Peloponnes, von dem ich noch nie gehört hatte, es dort aber laut Wikipedia die zweitgrößte Schrägseilbrücke der Welt gibt.  Mit der es sich dann auch tatsächlich um Liebe auf den ersten Blick handelte.

Mit meiner Bewerbung habe ich auch gleich einen Antrag für das dortige Erasmusstudentenheim abgegeben, sodass ich mich nicht einmal mehr um meine Unterkunft kümmern musste.  Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es dort im Winter kein warmes Wasser gibt, weil die Sonne nicht intensiv genug scheint und dass die Heizung nicht funktioniert, obwohl es an kalten Tagen doch immerhin Außentemperaturen bis 8 Grad Celsius gibt. Aber so ist das eben, Petroleum ist teuer und noch teurer, wenn man mitten in einer Finanzkrise steckt. Trotzdem sollte ich diese Entscheidung nicht bereuen, da wird dort bald mit allen Studierenden, inklusive Hausmeister, wie eine große Familie zusammen lebten.

Soweit so gut, war ich erst einmal frohen Mutes und stellte mir mein Learning Agreement mit Hilfe der Studienseite der Uni zusammen, wobei ich eigentlich komplett das 7. Semester übernommen habe, auch wenn es nicht ganz genau dem unserem entsprach, aber mir war nicht klar, inwiefern es realistisch ist, Fächer aus verschiedenen Semestern zu besuchen. Leider konnte ich mir auch im Nachhinein wenig anerkennen, was mir aber von Anfang an bereits gesagt wurde, sodass es für mich am Ende keine große Überraschung war.

Angekommen im dem Land, in dem Medizin eine so große Tradition besitzt wurde ich schnell mit dem Problem der Finanzkrise vertraut.

Aufgewachsen im behüteten Jenaer Universitätskrankenhaus in dem einzig und allein bemängelt wird, dass es für Studenten nicht genug Schließfächer bzw. Umkleiden gibt, fand ich mich plötzlich in einer anderen Welt wieder, in der man Hunden oder Tauben in den Gängen begegnete, man weder Toilettenpapier noch Seife auf den Toiletten antraf und von Desinfektionsmitteln auf den Gängen oder Patientenzimmern müssen wir gar nicht erst anfangen zu reden. Ärzte haben beim Koloskopieren einen Frappee mit auf der Ablagebank stehen und vor der Zystoskopie wird noch schnell die Zigarette ausgedrückt, bevor man dem eintretenden Patienten die Hand gibt und ihn bittet sich auf den Stuhl zu setzen. Ich hatte ebenfalls das Gefühl, für sterile Materialien gilt die 3-Sekunden-Regel, wenn etwas auf den Boden fällt und an den Anblick von Menschen mit Schuhen und herausgezogenen Schnürsenkeln in der Psychiatrie musste ich mich anfangs auch erst gewöhnen. Daher musste ich mir ein paar mal in dem Jahr ins Gedächtnis rufen, dass ich noch immer in Europa bin und eigentlich sogar in einem Universitätsklinikum.

Alles in allem, habe ich trotzdem noch für das Sommersemester verlängert, weil ich mich einfach in die südliche Mentalität der Griechen verliebt hatte, die einfach immer 5 Minuten Zeit für einen Kaffee haben, in der es flache Hierarchien gibt und man als Ausländer mit drei Wörtern Griechisch jedem ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.

Im ersten Semester war ich hauptsächlich in den Vorlesungen, was jedoch nach Abfluten des ersten Enthusiasmus relativ öde wurde, weil ich doch einfach zu wenig verstanden habe. Das griechische System des Medizinstudiums beinhaltet die ersten 4 Jahre nur Theorie und so gab es von morgens 9.00 bis mittags um 14.00 Uhr Vorlesungen. Seminare gibt es auch erst ab dem 9. Semester. Im Sommersemester habe ich dann vom fünften Jahr ein paar Blockpraktika besucht, sodass es ein wenig abwechslungsreicher wurde.

Meine Prüfungen durfte ich zum Glück alle mündlich und auf englisch ablegen und habe mich darauf meistens in individueller Absprache mit dem jeweiligen Professor vorbereitet. Hierbei wäre noch zu erwähnen, dass ich von Jena auch sehr verwöhnt bin, was die Ausstattung der Bibliothek angeht. In Patras konnte man auf so etwas nicht zurückgreifen. In Griechenland bekommen die Studendierenden alle Bücher am Anfang des Semesters kostenlos, jedoch hätte mir das auch nicht viel weitergeholfen, weil die ja alle auf griechisch waren. Ich habe mich dann hauptsächlich mit Amboss vorbereitet und einigen Ebooks die ich besaß. In der Bibliothek standen zwar auch ein paar englische Exemplare, aber da war keines wirklich aktueller als von 1990. Um genügend Credit Points zu sammeln, um mein Erasmusstipendium zu garantieren, habe ich zur Sicherheit zusätzlich noch einen Sprachkurs und ein Kulturseminar, die extra für ausländische Studierende angeboten wurde, besucht. Zusätzlich hatte ich noch in Ethik eine kleine 10-seitige Facharbeit geschrieben und dazu einen Vortrag vorbereitet. Denn ich hatte lediglich die Hälfte der Prüfungen des Semesters abgelegt, da ich doch einige Zeit brauchte, bis ich alle Formalitäten erledigt hatte und mich an der neuen Universität zurechtfand, sowie mich in die neue Umgebung eingelebt hatte. Außerdem brauchte ich für die Prüfungsvorbereitungen auf Englisch deutlich länger als auf Deutsch.

Die Medizinstudierende waren alle sehr fit, was das theoretische Wissen anging, in den Praktika jedoch haben wir mehr als die Hälfte unserer Zeit in der Cafeteria verbracht, in die wir geschickt wurden, weil man auf den Stationen meist keine Zeit für uns hatte. Das fand ich sehr schade. Am besten ist mir die Woche im Kreissaal in Erinnerung geblieben, weil ich da einige Geburten und Sectios sehen konnte. Ein weiteres Highlight war sicherlich als ich auf der Gastroenterologie Ende des Sommersemesters anfangen konnte, meine ersten eigenen Aufnahmen auf Griechisch inklusive klinischer Untersuchung zu machen.

Alles in allem hat man dem Krankenhaus die Krise schon angemerkt. Angefangen vom Hörsaal, der mich irgendwie an einen Film aus DDR Zeiten erinnerte, über die Krankenhauszimmer, wo die Betten vor sich hinrosten, bis hin zur Materialausstattung, wo nicht einmal Stauschläuche zur Blutabnahme vorhanden sind, wirkte alles etwas primitiver als bei uns. Außerdem ist mir die noch stark paternalistische Vorgehensweise sehr aufgefallen und mir wurde auf einmal bewusst, dass es durchaus sehr sinnvoll ist, dass wir in Deutschland Kommunikationskurse besuchen. Ich habe bemerkt, dass es bei den Ärzten teilweise an Einfühlungsvermögen mangelte und auch die Aufklärung über bestimmte diagnostische Methoden oder die Erkrankung allgemein, hielten sich in Grenzen, was ich sehr schade fand. Erschrocken war ich auch über das Einkommen der Assistenzärzte, dass deutlich unter unseren Verhältnissen liegt und auch die Jobaussichten sind nicht die besten.

Das Leben war für mich relativ kostengünstig. Auch wenn durch die Anhebung der Mehrwertsteuer auf 24% vieles deutlich teurer ist als bei uns in Deutschland, habe ich das kaum bemerkt.

Für mein Zimmer im Studentenwohnheim habe ich nur 130 Euro gezahlt und im zweiten Semester, da ich in ein Doppelzimmer gewechselt bin, monatlich nur noch 90 Euro. Essen gibt es für Erasmusstudierende 3x täglich 7x die Woche gratis in der Mensa, sodass ich dort regelmäßig einkehrte und nach dem Mittag noch ausgiebig die dort aufgestellten Tisch-Tennis-Platten nutzte. Außerdem hatte ich mir ein Fahrrad gekauft, sodass ich auf die Tickets des öffentlichen Nahverkehrs weitestgehend verzichten konnte. Das Erasmusstipendium zahlte mir 250 Euro pro Monat, sodass ich damit eigentlich alle Kosten gut decken konnte. Die Flüge nach Athen waren dank Billigfluggesellschaften auch sehr preiswert, sodass ich alles in allem trotz kleinerer innerländlicher Reisen und Ausflüge keine weiteren Unkosten hatte.

Dank meiner Bemühungen, die Sprache zu lernen und der Aufgeschlossenheit der Griechen, habe ich schnell Anschluss gefunden. Auch im Studentenwohnheim war immer etwas los, ich wohnte mit Studierenden aus ganz Europa, über Brasilien bis hin zu Pakistan und es sind ein paar richtig enge Freundschaften entstanden. Da es dort auch mehrere Medizinstudenten aus Rumänien und Italien gab, konnten wir teilweise zusammen lernen und haben uns gegenseitig Bücher geliehen.

Zusammenfassend bin ich sehr froh über dieses komplette Jahr in Griechenland. Auch wenn sich mein Studium dadurch um ein Jahr verzögert hat, war es jeden einzelnen Monat definitiv wert. Ich konnte zum ersten Mal für längere Zeit in eine mir völlig fremde Kultur eintauchen und die Sprache fließend lernen, ein anderes Gesundheitssystem kennenlernen und generell die sehr hohen deutschen Standards bewusst zu schätzen lernen. Ich war tatsächlich im Herbst noch viel im Meer und im Sommer dann fast täglich am Strand zum Joggen oder Schwimmen, Schnee habe ich trotzdem gesehen, denn für meinen allerersten Pistenbesuch waren wir auf einem nahegelegenen Berg, wo ich zum ersten Mal ein Snowboard bestieg und den Spass meines Lebens hatte.

Für Griechenland im Speziellen sollte man für alles Bürokratische genug Zeit einplanen. Das Verständnis von Terminen ist dort auch ein anderes als wir es gewohnt sind. So sitzt man schon einmal mehrere Stunden vor einem Büro, bis man hineingebeten wird und selbst dann kann es passieren, dass man lediglich die Information bekommt, man möge doch bitte am nächsten Tag noch einmal vorbeischauen. Generell ist jedoch alles möglich und jeder war immer sehr hilfsbereit, sodass für mich immer eine individuelle Lösung gefunden wurde.

Wie ich es auch schon durchaus in deutschen Krankenhäusern erlebt habe, muss man sich auf Station immer wieder anbieten und nachfragen, beharrlich bleiben und darauf bestehen, dass man etwas lernen will und helfen kann. Dann wird man eigentlich immer irgendwie integriert. Die meisten Ärzte sprechen auch alle englisch und die Krankenschwestern sind alle sehr bemüht zu kommunizieren.

Mir hat es so gut gefallen, dass ich anschließend im Sommer noch eine Famulatur auf der Psychiatrie gemacht habe und inzwischen dabei bin, meine Bewerbung für das chirurgische Tertial an das Krankenhaus in Patras zu schreiben. Da ich aus der Psychiatrie ein Angebot für eine Doktorarbeit bekommen haben, wird sich zeigen, ob ich mich vielleicht doch wieder schneller dort befinde, als ich eh im Moment ahne.

Für alle, die sich überlegen mit Erasmus ins Ausland zu gehen, denen rate ich, einfach genug Geduld aufzubringen. Der Papierberg am Anfang oder für eine Verlängerung, kann einem ein wenig Nerven kosten und auch die Formalitäten nach der Rückkehr bedürfen ein wenig Zeitaufwand. Ansonsten denke ich, jeder Aufenthalt ist so individuell, dass es schwierig ist, pauschale Tipps zu geben. Aus meiner Sicht kann ich jedem einen Erasmusaufenthalt empfehlen, auch wenn man vielleicht nicht die erwarteten medizinbezogenen Erfahrungen oder Fortschritte macht. Man ist jedoch so vielen verschiedenen Eindrücken und Situationen ausgesetzt, die einen in ganz anderen Bereichen voranbringen. Man hat mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun und sieht sich immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Ich zum Beispiel bin in der Zeit viel geduldiger geworden und versuche noch zurück in Jena, die Uhren einfach ein wenig anders ticken zu lassen.

 

 

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