M3 – Dritter Abschnitt der ärztlichen Prüfung

Auf den letzten Metern der Zielgeraden: Das M3

 

Meine PJ-Zeit ging wider Erwartens schnell vorbei und am Ende war ich sogar etwas traurig, vorerst keine Flexülen mehr legen oder Blut abnehmen zu können. Die letzte PJ-Bescheinigung wurde unterschrieben und ging geradewegs raus ans LPA, natürlich mittels Einschreiben mit Rückschein, denn es wäre nicht das erste Mal, dass Dokumente auf dem Weg dorthin oder sogar im heiligen Amt selber verloren gegangen wären.

 

Tipp: Wichtige Unterlagen an das LPA immer per Einschreiben schicken, das kostet zwar etwas mehr, dafür bist du dann aber auf der sicheren Seite, falls etwas schief gehen sollte.

 

Wie beinahe jeder andere auch hatte ich mir von den insgesamt 30 gewährten Urlaubstagen 20 für das Ende des dritten Tertials aufgehoben, sodass genug Zeit zum Lernen blieb, falls man bereits als einer der Ersten die Prüfung aller Prüfungen antreten musste. Das hatte ich zumindest im Hinterkopf, so richtig glaubte ich aber nicht, bereits am Anfang dran zu sein. Und so plante ich frohen Mutes einen Urlaub Anfang Oktober mit meinem Mann, denn ein bisschen Entspannung vor dem anstehenden Lernmarathon musste schließlich sein.

 

Während Universitäten in anderen Städten bereits seit Wochen ihre Prüfungstermine wussten, ließen unsere Ladungen mal wieder auf sich warten. Ende September schließlich öffnete ich meinen Briefkasten und fand den unheilvollen brauen Umschlag darin liegen. Jetzt gab es kein zurück mehr. Tachykard und mit schweißigen Händen öffnete ich ihn und musste erstmal schlucken. Ich hatte einen der frühesten Termine Anfang November erhalten. Mein Wahlfach war Kinder- und Jugendpsychiatrie, als viertes Fach bekam ich Psychiatrie zugeteilt, dessen Prüfer zugleich den Vorsitz hatte. Wenigstens etwas, dachte ich mir, eine psychiatrische Epikrise mit psychopathologischem Befund lag mir um Weiten besser, als eine der Inneren. Die Prüferin der Inneren kannte ich vom Hörensagen und wusste, dass sie ganz nett sein sollte. Der Chirurg war der „Auswärtige“ der Prüfungskommission und sein Name sagte mir nichts.

 

Durch meinen bereits geplanten und gebuchten Urlaub und diverse Familienfeiern und Termine, die ich mir alle hoffnungsvoll auf die „Nach-PJ-Zeit“ gelegt hatte, bleiben mir nur viereinhalb Wochen zum Lernen. Eine Woche pro Fach und drei Tage Wiederholung mussten also reichen. Ich lachte innerlich einmal kurz auf und machte mich sogleich hoch motiviert ans Lernen… nicht. Nach so langer Zeit praktischer Arbeit (die PJ-Seminare mal außen vorgelassen, fielen sie meist sowieso immer aus) plötzlich wieder zu lernen, ist gar nicht mal so einfach. In zwei Wochen alle Knochen, Muskeln, Sehen, Bänder und Funktionen des Arms lernen für das Armtestat? Vor einer gefühlten Ewigkeit in der Vorklinik kein Problem. Dreißig Tage Lernplan für das Physikum? Check. In den letzten klinischen Semestern schien meine Gehirn diese überaus praktische Fähigkeit verloren zu haben und ich hatte das Gefühl, das Lernen verlernt zu haben. So saß ich erstmal völlig überfordert da und dachte mir nur: das schaffst du niemals! Glücklicherweise ging es nicht nur mir so. Kommilitonen berichteten von ähnlichem Erleben und ich hatte ja noch meine Prüfungsgruppe als Leidensgenossen.

 

Tipp: Du bist nicht alleine! Nicht den Kopf hängen lassen, wenn etwas aussichtslos erscheint, es gibt genug Leidensgenossen, denen es genauso geht.

 

Nachdem das Adrenalin in meinem Körper also langsam wieder auf ein normales Level sank, beschloss ich, einen Schritt nach dem anderen zu tätigen. Bei der Fachschaft besorgte ich für uns die Prüfungsprotokolle und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass es zu einem Fach nur eines und zu einem anderen gar keins gab. Na gut, dann hier eben ohne Protokolle. Als nächstes schrieb ich die Prüfer an und bat um ein Vorgespräch.

 

Tipp: Manche Prüfer bieten ein Vorgespräch an, in dem man brennende Fragen zu Ablauf und Inhalt los werden kann. Eventuell schließen sie auch bestimmte Themen aus oder verraten ihre Schwerpunkte. Bei Unsicherheiten bezüglich erlaubten Hilfsmitteln, Outfit, Kittel, Epikrise etc. kann man diese in einem solchen Gespräch auch gut klären.

 

Vom Chirurgen kam prompt die Antwort, dass er ein solches nicht für nötig halte, denn eine ordentliche klinische Ausbildung sei ausreichend. Okay, diese Aussage trug nicht gerade zu unserer Beruhigung bei, zumal niemand aus meiner Prüfungsgruppe in die Chirurgie gehen wollte. Vom Prüfungsvorsitzenden kam bis auf die Frage seiner Sekretärin, wann genau denn die Prüfung sei, keine weitere Antwort. So blieben uns nur zwei Vorgespräche, die wir gerne in Anspruch nahmen, die uns im Nachhinein aber mehr verwirrten, als beruhigten, denn zum Ablauf konnten beide Prüfer nicht viel sagen, da sie eben nicht den Vorsitz hatten und ausschließen wollten sie auch nicht wirklich etwas. In Innere bekamen wir noch den Tipp, uns vor allem die „großen“ Krankheitsbilder anzusehen.

 

Als nächstes ging ich die vorhandenen Protokolle durch und lieh mir die nötigen Bücher in der Bibliothek aus. Ich entschied mich für die „… in Frage und Antwort“-Bücher und in Innere zusätzlich für ein kurzes Fallbuch mit 50 Fällen, da ich wusste, dass die Prüferin am zweiten Tag einen fiktiven Fall präsentieren wird, den man dann nach dem Schema „Symptome, Differentialdiagnose, Diagnostik, Therapie, Prognose etc.“ durcharbeiten soll. Zusätzlich wollte ich das Wichtigste nochmal bei Amboss nachlesen. Für Kinder- und Jugendpsychiatrie kann ich das „Basics“-Buch empfehlen. Die ersten Vorbereitungen waren also getroffen und ich konnte etwas beruhigter in den Urlaub fahren.

 

Nach einer entspannten Auszeit ging es dann also „richtig“ los. Meine Tage verbrachte ich meistens in der Bibliothek, zu Hause gab es zu viel Ablenkung (so sauber wie zur Prüfungszeit war unsere Wohnung noch nie!) und brachte mir selbst das Lernen wieder bei. Die wenigen Wochen vergingen schneller als gedacht und ein „Lernplan“ war kaum einzuhalten, da oft etwas dazwischen kam oder sich manches einfacher bzw. schwieriger lernen ließ als anderes. In der letzten Woche suchte ich mir ein passendes Outfit und entschied mich für Bluse und 7/8-Hose am ersten sowie für Bleistiftrock, Top und Blazer für den zweiten Tag.

 

Tipp: Zieht das an, worin ihr euch wohl fühlt! Es sollte aber schon etwas schicker sein, Jogginghose und T-Shirt wäre unangemessen, aber das würde auch niemand machen, denke ich. 😉 Für Frauen eignen sich Blusen, Blazer, (nicht zu kurze) Röcke oder Kleider, für Männer eventuell auch ein Anzug. Ihr könnt euch da auch ein bisschen nach den Prüfern richten. Unsere legten selbst nicht so viel Wert auf „zu strenge“ Kleidung.

 

Der Tag der Tage war gekommen und mit einem flauen Gefühl im Magen machte ich mich auf den Weg zum Prüfungsort. Dann ging alles auch schon sehr schnell, wir bekamen jeder einen Patienten zugeteilt und hatten nun vier Stunden Zeit für Anamnese, Exploration, körperliche Untersuchung und Epikrise. Meine Patientin war eine betagte Dame, die leider wenig Lust auf das Ganze hatte und angeblich von nichts wusste (bzw. es wieder vergessen hatte). Aussagen wie „Mich interessiert das alles hier gar nicht“ und „Ich werde heute nachmittag nicht da sein“ weckten die Panik in mir, die ich aber noch zu unterdrücken wusste. Ich sagte ihr, sie müsse nichts machen, was sie nicht möchte, aber dass ich mich über ihre Hilfe sehr freuen würde und so konnte ich wenigstens eine halbwegs vollständige Anamnese erheben.

 

Dies dauerte länger als gedacht, dann noch schnell in die Kurve geschaut und Medikamente heraus geschrieben und hoffnungsvoll auf den Punkt „Diagnose“ geschaut. Leider ohne Erfolg, eine klare Diagnose hatte meine Patientin nicht. Differentialdiagnostisch kamen laut Akte Altersdepression, Demenz, histrionische Persönlichkeitsstörung und fraglicher psychotischer Zustand in Frage. Die Ärzte der Station waren leider die ganze Zeit zur Visite, sodass ich niemanden fragen konnte.

 

Ich verabschiedete schließlich meine Patientin und machte mich in Windeseile an die Epikrise, die wir am Computer schreiben durften. Hierbei orientierte ich mich am Aufbau der Epikrise, die wir damals im siebten Semester zum Stationstag schreiben mussten. Ich wusste aus Protokollen, dass unser Prüfer nicht so viel Wert auf sie legte, sodass sie nicht allzu perfekt werden musste.

 

Tipp: Teil dir deine Zeit vorher gut ein, sie vergeht schneller, als man denkt und am Ende kommt man sonst mit der Epikrise ins Straucheln. Falls die Möglichkeit besteht, sprich mit den Stationsärzten. Die können manchmal weiter helfen. Frag vorher, wie viel Wert auf die Epikrise gelegt wird und ob du sie handschriftlich anfertigen musst oder den Computer benutzen darfst.

 

Und dann waren die vier Stunden auch schon vorüber, Zeit für Mittagessen oder nochmal etwas nachzulesen war kaum geblieben. Ich hätte aber vor Aufregung sowieso keinen Bissen herunter gebracht. Nach und nach trafen die anderen Prüfer ein und gemeinsam mit ihnen und meinen Mitprüflingen begaben wir uns zu den Patienten. Ich war als Zweite dran und atmete innerlich erleichtert auf, als meine Patientin nicht nur anwesend, sondern auch kooperativ war.

 

Kurz vorstellen, Verdachtsdiagnose nennen (ich hatte mich auf die Demenz als Hauptdiagnose vorbereitet) und dann Fragen der Prüfer dazu beantworten. Zuerst stellte der Vorsitzende seine Fragen, danach die Prüferin aus der Inneren Medizin, dann der Chirurg und dann kamen die Fragen der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Alle Prüfer nahmen Bezug auf den Fall/die Patientin, so wurde ich unter anderem gefragt, welche Medikamente sie nehme und wieso, welche innere Krankheit dahinterstecken könne und ob man den Befund am Bein (Varizen) operieren könne und wenn ja, wie. Es folgten noch zahlreiche weitere Fragen. Vormachen sollte ich dann die Kraftgradprüfung und Schilddrüsenuntersuchung. Dann war es auch schon vorbei und wir gingen alle gemeinsam zur letzten Bettenprüfung des Tages. Mein Kopf war leer und ich konnte meiner Kommilitonin bei ihrer Prüfung kaum zuhören. Ich ließ meine Prüfung Revue passieren, ärgerte mich über manche falsche Antwort, konnte aber insgesamt doch eine positive Bilanz ziehen.

 

Mit den Worten „lernen Sie heute bloß nichts mehr“ entließen uns unsere Prüfer schließlich am Nachmittag und uns allen fiel ein Stein vom Herzen. Die erste Hürde war geschafft. Innerlich fühlte ich mich um mehrere Tonnen leichter und war froh, den ersten Tag überstanden zu haben. Genauer gesagt, fühlte es sich schon wie das Ende der Prüfung an. Am nächsten Tag nochmal dorthin gehen? Nochmal geprüft werden? Das konnte ich mir in dem Moment kaum vorstellen.

 

In der Nacht schlief ich um einiges besser als in der vorherigen und am nächsten Morgen war ich auch weniger aufgeregt. Die Sekretärin des Vorsitzenden hatte für Kaffee, Tee und Plätzchen gesorgt und in dieser „gemütlichen“ Runde durfte nun jeder Prüfer 15 Minuten quer durch sein Fachgebiet fragen, wenn er denn wollte.

 

Ich hatte keinen besonders guten Start, denn der Psychiater wollte gesetzliche Regelungen von mir wissen, die ich nicht gelernt und auch noch nie gehört hatte. In Chirurgie wurde ich plötzlich gefragt, welches Krankheitsbild ich im PJ am häufigsten gesehen hätte. Hier könnte man nun schön das Krankheitsbild einsetzen, welches man am besten gelernt hatte bzw. welches einem am besten lag. Leider hatte ich plötzlich nicht als Leere im Kopf und stammelte vor mich hin. Mir wollte partout nichts einfallen und so platzte ich mit dem heraus, was ich eigentlich nicht gefragt werden wollte: Karzinome. Der Chirurg war natürlich begeistert und ich „durfte“ frei zum kolorektalen Karzinom erzählen. Das lief erstaunlicherweise gut, bis dann die speziellen Fragen dazu kamen. Die waren teilweise so speziell, dass sie meiner Meinung nach facharztprüfungswürdig gewesen wären. Ich war heilfroh, als meine Zeit um war und der nächste an der Reihe war.

 

Tipp: Manche Prüfer fragen, was man während des PJs am häufigsten gesehen hätte oder was einen besonders beeindruckt hätte. Leg dir deshalb vorher das zurecht, was du am besten kannst!

 

Innere Medizin lief wiederum erstaunlich gut, wie angekündigt galt es einen fiktiven Fall zu lösen, Pneumonie als „großes Krankheitsbild“ war da recht dankbar. In Kinder- und Jugendpsychiatrie aber, welches mein Wahlfach war und wahrscheinlich auch mein zukünftiges Berufsfeld werden sollte, verlor ich zwischendurch gänzlich den Faden, erklärte Therapien und vergaß dabei die Diagnostik und verwechselte wie immer Schulangst mit Schulphobie.

 

Schließlich gingen auch diese Stunden vorbei und wir wurden aus dem Raum geschickt, während die Prüfer sich berieten. Wir waren alle fertig mit den Nerven, alles gewusst hatte niemand, aber „nichts“ gewusst hatte auch keiner. Endlich ging die Tür wieder auf: „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind Ärzte!“ Alle hatten bestanden und waren auch mit den Noten zufrieden. Die Prüfer erkundigten sich noch, wie es nun bei uns weiter ginge und dann waren wir entlassen.

 

So richtig realisiert habe ich das Ganze ein paar Tage später immer noch nicht. Nach sechs Jahren ist man endlich am Ziel angelangt und darf sich Arzt nennen. Nach dem Motto „Lass mich Arzt, ich bin durch“ geht es für mich dann nächstes Jahr in ein hoffentlich spannendes Berufsleben. Und wenn du jetzt kurz vor deiner Prüfung stehst: Du schaffst das! Es ist alles nur halb so schlimm. 😉

 

Autorin:

A.V.

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