Erfahrungsbericht Physikum Freiburg 22.08.-23.08.2017

Erfahrungsbericht Physikum 22.08.-23.08.2017

Endspurt in die Klinik!

Hallo an alle mehr oder weniger gestressten Vorkliniker da draußen! Euer Physikum als erste große Hürde steht vor der Tür – und ihr würdet gerne wissen, wie andere mit dieser Herausforderung umgegangen sind, gelernt und sich organisiert haben? Erfahrungsberichte wie dieser hier erfüllen genau diesen Zweck, denn im Nachhinein sieht man vieles objektiver und gelassener.

Aber zunächst zu mir persönlich. Ich bin Alexandra und studiere Humanmedizin im 5. Semester in Freiburg, im schönen Schwarzwald. Unser 4. Semester ist von der Uni aus als ziemlich stressig ausgelegt und unser Hauptziel war es, die Klausuren zu bestehen und die M1-Zulassung zu bekommen. Nach der letzten „Rausprüf-Klausur“ in Physiologie hatten diejenigen, die durchgekommen sind, nur noch einen knappen Monat Zeit für die Vorbereitung auf das schriftliche Physikum. Der Termin des mündlichen Physikums wurde zugelost – ich hatte mit dem 8. September einiges Glück, denn so hatte ich noch zwei Wochen zusätzliche Lernzeit. Alles in allem aber wenig Zeit und viel Stoff. Wie soll das gehen?

 

I Motivation: Wofür das alles?

Als allererstes habe ich mir klar gemacht, wofür ich soviel lerne und warum ich in dieser Zeit auf so viel Freizeit verzichte. Ohne Motivation wird’s nämlich schwierig, konsequent dabei zu bleiben. Ich habe vor meinem Schreibtisch viele Fotos, Flyer oder andere kleine Dinge aufgehängt, die mich motivierten. Das kann alles sein: vielleicht möchtest du Erasmus im Ausland machen, zu Ärzte ohne Grenzen gehen, eine Public-Health-Famulatur in Indien, ein Praktikum bei der WHO, ein TCM-Semester in China machen. Oder du freust dich einfach nur auf den nächsten Urlaub! Es gibt tausend Dinge, die uns motivieren. Schreib’ sie auf, drucke sie aus und rufe sie dir ins Gedächtnis!

 

II Organisation und Lernplan: Wie und vor allem wie viel soll ich lernen?

Bevor du dir einen konkreten Lernplan machst, solltest du die Rahmenbedingungen festlegen. Hierbei ist besonders eines wichtig: die Zeit. Plane realistisch, das heißt 80% individuelle Lernzeit (inklusive Wiederholen) plus 20% zusätzlicher Zeit. Du wirst diese Zeit brauchen, denn meistens kommt immer etwas dazwischen: man wird unerwartet krank, der Opa feiert seinen achtzigsten Geburtstag oder du brauchst einen freien Tag. Also plane regelmäßige Pausen ein, denn Lernen für das Physikum ist ein Marathon, kein Sprint.

Jetzt aber zum konkreten Lernplan. Wie viel Zeit steht dir konkret zur Verfügung? Nimm dir einen Kalender und plane tageweise! Verschaffe dir einen Überblick, was du alles lernen oder wiederholen willst und verteile die Stoffmenge auf die Tage. Dabei bleibt es dir überlassen, wie viel freie Zeit du einplanst. Lege diesen Freiraum bewusst fest. Für mich waren die vorgefertigten Lernpläne, die im Internet kursieren, nur bedingt eine Hilfe, da sie sich nicht an meinem individuellen Lernstand orientierten. Den Lernplan für das eine oder andere Fach kann man daraus aber sicher übernehmen!

Bei der schier unüberschaubaren Stoffmenge ist folgendes wichtig: Kenne deine Stärken und Schwächen! Du wirst es kaum schaffen, in der relativ kurzen Zeit, alles Gelernte aus zwei Jahren zu wiederholen. Es gibt bestimmt Fächer, in denen du dich sicherer fühlst. Bei mir war das beispielsweise Physiologie, da ich gerade erst die Klausur geschrieben habe. Ich konnte mich bewusst auf Anatomie, Biochemie und die Nebenfächer konzentrieren. Außerdem solltest du Unwichtiges von Wichtigem trennen. Lasse Details, die in den letzten Examina nie oder selten gefragt wurden, weg und selektiere. Wenn man in den letzten Tagen in Zeitnot gerät und das Gefühl hat, man kommt mit dem Stoff nicht durch, macht man sich nur unnötig Stress.

 

III Weniger ist mehr: Welche Bücher?

Bei der Auswahl der Bücher gilt: je weniger, desto besser. Suche dir EIN Buch pro Hauptfach (Anatomie, Biochemie und Physiologie), am besten dasjenige, das du schon für Klausuren oder Testate benutzt hast. Das hat den Vorteil, dass du den Aufbau schon ungefähr kennst und dich nicht mit dutzenden von Büchern, in denen letzten Endes doch der gleiche Stoff steht, selbst überforderst und durch Überspringen wichtige Themen vergisst. Im Großen und Ganzen finde ich persönlich die Standardwerke der bekannten Verlage vergleichbar, einzig von der Dualen Reihe Physiologie (Thieme) wurde uns abgeraten, da diese wohl sehr fehlerhaft sei.

Meine Bücher, die ich benutzt habe und empfehlen kann, sind folgende:

 

Anatomie:

Duale Reihe Anatomie (Gerhard Aumüller, Thieme),

Prometheus, Lernatlas der Anatomie (Michael Schünke, Thieme) – absoluter Standard; perfekt für Zusammenfassungen und wenn man keine Lust auf lange Texte hat J

 

Biochemie

Biochemie des Menschen (Florian Horn, Thieme) – sehr nett geschriebenes Buch, in dem alles super erklärt wird. Man hat das Gefühl, das man Biochemie wirklich verstanden hat und vor allem erklären kann.

 

Physiologie

mediskript Kurzlehrbuch Physiologie (C. und A. Hick, Elsevier) – enthält den gesamten Stoff und außerdem relevante Details. Ideal für das Verständnis und nicht zu textlastig.

 

Mit Vorklinik-Skriptreihen wie der Endspurtreihe oder den medilearn-Skripten kann man prinzipiell auch nichts falsch machen. Für die Nebenfächer sind sie absolut ausreichend, für die Hauptfächer finde ich sie ehrlich gesagt zu kurz und nicht ausführlich genug. Hier sind sie weniger als Grundlage, sondern eher zum Wiederholen geeignet. Ob du dich für medilearn oder Endspurt entscheidest, hängt vor allem von deinem Lernstil ab. Beide decken sie den gleichen Stoff ab, unterscheiden sich aber komplett vom Schreibstil und Aufbau. Schaue sie dir einfach mal im Internet oder im Laden an und vergleiche.

 

Viele meiner Kommilitonen haben auch mit Lernkarten gelernt, was ich im Nachhinein ebenfalls für eine gute Idee halte. Ich selbst hatte die Sobotta-Lernkarten, die ich sehr gut finde, aber nie benutzt habe, da es mir zu viel geworden wäre. Auch eine Überlegung wert sind mit Sicherheit die Lernkarten Biochemie (Elsevier).

 

Aber immer daran denken: nicht zu viel gleichzeitig benutzen!

 

IV Stay focused

Auch wenn es manchmal schwer fällt, ist es notwendig, dass man Ablenkung in der Vorbereitungszeit reduziert. Das fängt zum Beispiel schon bei einem aufgeräumten Schreibtisch an. Sobald du Ordnung in dein Lernmaterial bringst, hast du Ordnung im Kopf. Klingt einfach – ist es auch. Mit Ablenkung sind aber auch Dinge gemeint, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Das heißt nicht, dass du auf alles verzichten musst. Du kannst dich natürlich trotzdem mit Freunden treffen, Sport machen und Ausflüge unternehmen. Aber: Konzentriere dich auf die Dinge, die dir wichtig sind und lass andere weg. Schone sowohl deine Ressourcen bei Freizeitaktivitäten, finde aber auch einen regelmäßigen Ausgleich. Dann kannst du dich auch besser auf das Lernen einlassen und wirst produktiver sein. Dieser Ausgleich war für mich der Sport, weil bei dem vielen Sitzen während des Lernens in der Bibliothek sich körperliche Anstrengung natürlich anbietet.

 

V Schriftliches Physikum: Kreuzen, kreuzen, kreuzen

Der Tag der Entscheidung ist gekommen: Man sitzt mit 250 anderen Leidensgenossen zwei Tage in großen Turnhallen und muss acht Stunden lang konzentriert unter Druck sein Bestes geben. Für viele eine absolute Horrorvorstellung. Objektiv gesehen macht man aber auch an dem Tag X nichts anderes als die Tage davor zu Hause oder in der Bibliothek. Man kreuzt die Fragen und es passiert absolut nichts Unvorhersehbares. Also keine Panik! Packt euch genügend Essen und Trinken ein (Achtung! Traubenzucker wirkt vor allem kurzfristig, danach fällt man leicht in ein Konzentrationsloch). Vor allem sollte man möglichst geräuschlos essen, da das sonst die Kommilitonen stört – ich spreche da aus Erfahrung J

Dementsprechend sollte die Vorbereitung auf das schriftliche Physikum – wie sollte es anders sein – vor allem aus einem bestehen: kreuzen, kreuzen und kreuzen. So lernst du schnell die Lieblingsdetails und –themen des IMPP kennen, die immer wieder gerne gefragt werden. Kommt dann doch nochmal eine Frage, von der du absolut keine Ahnung hast: Nicht verunsichern lassen! Diese Fragen kommen immer wieder vor und haben noch niemanden eine ganze Note gekostet. Der Vorteil an der Notengebung des IMPP (der Prozentsatz richtiger Antworten entscheidet über die Note, wobei in Zehnerschritten vorgegangen wird, d.h. bei 90% gibt’s eine 1, ab 80% eine 2 usw.) besteht nämlich darin, dass einzelne Fehler nicht so sehr ins Gewicht fallen.

Noch ein paar weitere Hinweise zu dem, was mir persönlich immer wieder aufgefallen ist: Konzentriere dich auch auf die kleineren Fächer. In Psychologie und Soziologie werden erstaunlich viele und knifflige Aufgaben gestellt, in denen man leicht Fehler machen kann. Ein Fehler in Psychologie und Soziologie zählt aber genauso viel wie einer in Anatomie!

Das meiner Meinung nach berechenbarste Fach ist Physik. Für viele meiner Freunde ist es das Horrorfach schlechthin und auch bei den offiziellen Statistiken des IMPP werden in Physik die meisten Fehler gemacht. Dabei kann man hier wirklich sichere Punkte einholen. Hat man einmal die notwendigen Formeln gelernt (es sind seit Jahren immer wieder die gleichen), muss man nur noch die Aufgaben aus den letzten Examina durchrechnen. Dann ist Physik auch in der Prüfung keine Überraschung mehr. Ich war noch nie eine Physikleuchte, weder in der Schule noch im Studium; trotzdem hat das Fach bei mir einige Punkte gerettet.

VI Mündliches Physikum

Wie oben schon erwähnt, wurde das Datum unserer mündlichen Prüfung jedem einzelnen Prüfling zugelost. Zudem haben die Prüflinge keinen Einfluss auf die Prüfungskommission. Ich hatte mich schon gefreut über meinen 8. September: nicht zu spät, dass ich noch etwas von meinen Semesterferien hatte, aber auch nicht zu früh, sodass noch etwas Zeit zum wiederholen blieb. Diese Freude hielt allerdings nur so lange an, bis ich die Liste meiner Prüfer sah. In Anatomie hatte ich eine eher strenge Dozentin des Freiburger Instituts! Zu allem Unglück fand die mündliche Prüfung im Demoraum statt: von uns nur „Kammer des Schreckens“ genannt, da hier alle Anatomiepräparate gelagert werden. Da zwei Wochen Zeit für alle drei geprüften Fächer nicht wirklich viel sind, blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich auf die Altprotokolle zu konzentrieren. Am besten man fasst die Themen auf einer Liste zusammen und übt die Antworten mündlich.

Ich muss zugeben, am Tag der Prüfung war ich wirklich sehr aufgeregt. Die Prüfung war so angelegt, dass vier Prüflinge in zwei Runden pro Fach gefragt werden, insgesamt vier Stunden zu viert. Mit Histologie ging es los und wir durften uns gleich an die Mikroskope setzen. Die Präparate sollte man möglichst erkennen und dann auch etwas dazu sagen können. Allerdings ist es wirklich nicht schlimm, wenn man ab und zu etwas nicht weiß oder erkennt. Sei in der Prüfung kommunikativ und sage am besten alles, was du weißt, alle Stichwörter und verwandte Thematiken, die dir einfallen. Dadurch kannst du einiges retten! Ein Beispiel: Ich sollte in Histologie erklären, was in den einzelnen Schichten der Epidermis während des Verhornungsprozesses passiert und welche Proteine daran beteiligt sind. Zugegebenermaßen war ich an diesem Punkt zunächst aufgeschmissen und wusste nicht weiter. Dank der kleinen Hilfe der Dozentin konnte ich mir dann einiges zusammen reimen, worauf die Prüferin nur zufrieden genickt hat.

Als Fazit: Lass dich bei schwierigen Fragen nicht verunsichern, sei offen und erzähle alles, was dir zu dem Thema einfällt. Bevor du allerdings Falsches sagst, gib zu, dass du etwas nicht weißt. Das ist kein Beinbruch. Entweder hilft der Prüfer dir weiter oder geht dezent zur nächsten Frage über. In meinem Fall haben sich alle drei Mitglieder der Prüfungskommission fair verhalten. Keine Prüfungskommission will wirklich wissen, was du alles nicht weißt!

 

V Rhetorik: Reden üben

Eine Sache, die mir besonders aufgefallen ist, möchte ich noch kurz zum Schluss erwähnen: Übt das Reden! Besonders für das Mündliche ist es ein wahnsinniger Vorteil, wenn man sicher und flüssig auf Fragen antworten kann. Ich hatte meine mündliche Prüfung u. a zusammen mit zwei ausländischen Studenten. Diesen ist es sehr schwer gefallen, spontan auf konkrete Fragen ausführlich zu antworten. Das hat sie im Laufe der Prüfung immer mehr verunsichert, worauf sie gegen Ende hin gar nichts mehr gesagt haben und ganz durcheinander gekommen sind. Leider sind sie beide durchgefallen, was vermutlich auch an diesen Schwierigkeiten lag. Also schnappt euch ein paar Kommilitonen, setzt euch zusammen und übt, flüssige Antworten zu geben. Dabei ist nicht nur die Rhetorik wichtig, sondern auch das schnelle Erinnern und Wiedergeben aller relevanten Informationen.

 

VI Mein Fazit: Mehr entspannen, weniger stressen

Die Prüfungen an sich werden von den Prüfern möglichst stressfrei gehalten, die Atmosphäre war durchgehend sehr gut. Die Notengebung ist in den meisten Fällen sehr fair, ich selbst hätte mich genau so eingeschätzt. Die anfängliche Anspannung in der Prüfung fällt schnell ab, dann geht es um konkrete Inhalte. Konzentriert euch auf den Stoff und macht euch über die Prüfungssituation keine Sorgen, dann kommen die Noten von ganz allein. Baut Entspannung und Freizeit in euren Lernplan ein und vermeidet unnötigen Stress. Mit einer soliden Vorbereitung sind sowohl das Mündliche als auch das Schriftliche absolut gut machbar!

 

Autorin:

Alexandra Fischer

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